Loch in die Freiheit

Interview mit Magda W. (geb. 1931 in Lübeck) und Hans-Joachim W. (geb. 1932 in Königsberg)
Interviewer- und Autorin: Levke Wittstock (17)

Ihr seit zu Beginn des zweiten Weltkrieges 8 und 7 Jahre alt. Habt ihr Erinnerungen an die Kriegsjahre?
Magda: 1942 erlebte ich den ersten Bombenangriff auf Lübeck. Das war auch der erste auf Deutschland überhaupt. Die Bomben wurden in der Nacht von Samstag auf Palmsonntag abgeworfen. Das Haus, in dem wir wohnten, ein Mehrfamilienhaus, wurde von Brandbombem getroffen. Eine Bombe schlug über uns ein, eine andere neben uns. Alle Bewohner sind gemeinsam mit mir in den Keller gelaufen um sich zu retten. Weil das Treppenhaus über uns zerstört wurde, sind wir von dort durch ein Loch in das angrenzende Haus gekrabbelt. Die Steine darin haben wir selbst rausgehauen.
Die Schule fiel ein halbes Jahr lang aus, weil die meisten Schulen als Lazarett genutzt wurden. Nach dem halben Jahr haben wir Unterricht in verschiedenen Räumen gehabt.
Hajo: Im Januar 1945 floh ich aus Ostpreußen. Ich war damals zwölf Jahre alt und wohnte in Friedland bei Königsberg. Mein Vater war Schlachter. Wir mussten fliehen, weil die Russen kamen. Ich bin zusammen mit Freunden geflohen. Weil die Russen uns den Weg abgeschnitten hatten, sind wir über die zugefrorene Ostsee geflohen. Die Russen versuchten, uns mit Bomben zurück zu treiben, indem sie das Eis zerschossen. Danach wollten wir mit einem Schiff weiter, aber wir haben es verpasst. Zum Glück, wie ich nachher erfahren habe. Das Schiff, dass wir verpassten, war die Wilhelm Gustloff, die auf der anschließenden Fahrt von einem russischen U-Boot versenkt wurde. Dabei starben 6.600 Flüchtlinge. Wir sind mit dem nächsten Schiff nach Stettin gefahren und von dort aus mit einem Güterzug nach Lübeck. Wir waren ein Vierteljahr lang auf der Flucht, bis zur Ankunft in der Hansestadt Lübeck. Meistens gingen wir zu Fuß, aber wir fuhren auch mit dem Schiff und mit der Bahn. Dabei verloren wir alles, was uns wichtig war. Am 5. Mai 1945 wurde Lübeck von den Engländern besetzt.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Magda: Wir waren beide in der Jugendgruppe der evangelischen Jugend und machten am Wochenende immer Ausflüge zur Jugendherberge oder zum Zelten. Am 16. Juni 1951 war Hajo mit der Jugendgruppe der EJD (Evangelische Jugend) unterwegs und ich mit der Mädchengruppe Jugendrotkreuz. Ich hatte eine Radpanne, die mir Hajo behob (lacht). Dann kamen wir ins Gespräch und lernten uns etwas kennen. Zufällig kannte ein Arbeitskollege von mir Hajo aus der Jugendgruppe, so dass er beim Prozess des Kennenlernens eine große Hilfe war. Ich war damals Lehrling und Hajo ging zur Gewerbeschule.

Was habt ihr genau gearbeitet?
Magda: Ich war kaufmännischer Lehrling und machte eine dreijährige Ausbildung in einem Großhandel für Papier.
Hajo: Und ich war Maschinen-Schlosser. Ich wollte Ingenieurwesen studieren und fing als Lehrling an. Dreieinhalb Jahre machte ich eine Ausbildung und arbeitete dann noch ein Jahr als Geselle. Ich habe mich dann beim Zoll beworben, weil wir die Schule nicht bezahlen konnten.
Magda: Wir haben uns dann öfter getroffen und festgestellt, dass wir uns beide für Sport interessieren, dass sich unsere Zeiten aber nicht vertrügen. Ich spielte aktiv Handball und Hajo spielte Fußball und Tischtennis. Ich habe dann mit dem Handball aufgehört und bin ebenfalls zur Tischtennis-AG gewechselt. Den Sport haben wir bis 1967 betrieben.
Hajo: Dann habe ich in Wentorf einen Tischtennis- Verein gegründet und 43 Jahre lang geleitet.
Magda: Hajo war noch auf der Zollschule, als ein Anruf von ihm kam. Er habe sich das überlegt und wir sollten uns Weihnachten verloben. Das war 1954. Und dann kam es, dass Hajo nach Flensburg zu einem weiteren Lehrgang musste. Dort bestand die Möglichkeit, dass er zurück auf eine Lübecker Dienststelle kommen würde, wenn er verheiratet ist. Ich wohnte in Lübeck. Deshalb haben wir beschlossen zu heiraten. Ich hatte noch ein Zimmer bei meiner Mutter. Hajo war noch in Flensburg und nur alle 14 Tage da. Als er von der Zollschule kam, ist er zu mir gezogen und wir haben uns gleich um eine eigene Wohnung bemüht. Am 1. Juli 1956 sind wir in die 3 Zimmerwohnung gezogen.
Hajo: Mein Vater starb 1951 hier in Lübeck. Meine Mutter hatte nur eine kleine Rente. Da wir vor den Russen nach West-Deutschland geflüchtet sind, hatten wir ja nichts. Ein Grundstück, ein Haus hatten wir in Lübeck nicht mehr. Die, die vorher schon hier gewohnt hatten, hatten Glück gehabt.

Wann habt ihr geheiratet?
Magda: 1955 am 2. Juli. 1955. Ich war ich 23 und wurde im August 24. Hajo war 22 und wurde im November 23. Ein Jahr später, 1956, sind wir in die neue Wohnung gezogen.
Hajo: Ich konnte gar kein Zimmer mieten, weil ich gar nicht wusste, wohin ich kommen würde. Würde ich nach Flensburg gehen, nach Kiel oder wohin sonst? Ich konnte mir ja vorher keine Wohnung besorgen.
Magda: Deshalb haben wir in meinem Zimmer gewohnt und sofort als Hajo aus Flensburg zurückkam und wusste, er kommt nach Lübeck, haben uns um die Wohnung bemüht und auch schnell eine bekommen. Dort haben wir vier Jahre gewohnt, bis 1960 unsere erste Tochter kam. Wir hatten ja keine Möbel. Ach ja, wir zogen da nun hin und mussten einen Kostenzuschuss zahlen. Daher konnten wir uns keine Schlafstube kaufen, das Geld hatten war ja nicht. Dann haben wir die Möbel aus meinem Zimmer genommen, die hat uns der Mahler weiß lackiert: ein Schrank, eine Kommode und ein Herd. Wir haben die in die Schlafstube gestellt. Dann haben wir ein Jahr lang Geld für unsere Schlafstube zusammen gespart. Das war gar nicht einfach.

Welche Musik habt ihr früher gehört?
Wir haben Schlager gehört.

Gab es Rock’n Roll nicht auch schon?
Ja, wir haben ein Hausfest gefeiert und dabei Rock‘n Roll getanzt, so dass unten der Kronleuchter gewackelt hat.
Das war Anfang der 50er. Welche Schlager wir gehört haben, weiß ich nicht mehr. Ins Kino sind wir jedes Wochenende gegangen, zu Weihnachten gab es sogar Freikarten. Wir sind natürlich so oft ins Kino gegangen, weil wir noch keinen Fernseher hatten.

Wisst ihr noch, wann ihr euren ersten Fernseher bekamt?
1959. Wenn es Fußball gab, sind wir immer um zwei oder drei Uhr in die Kneipe gegangen und haben Karten gespielt, weil um sechs das Fußballspiel begann. In den Kneipen gab es Fernseher. Dort konnte man Fußball gucken, auch 1954, als Deutschland Weltmeister wurde. Nur Millionäre hatten einen eigenen Fernseher zuhause.

War Kino noch in schwarz-weiß?
Kino war zum Teil in Farbe, aber Fernseher waren schwarz-weiß. Viele Jahre lang wurden die Filme nicht synchronisiert, sondern hatten Untertitel. Wir haben viel unternommen, sind zum Sinfonie Orchester gegangen, hatten Tanzfeste, Maskenbälle und Fasching. Der Sportverein war unsere große Familie. Und wir haben Reisen auch gemacht.

Wann hab ihr mit dem Zelten angefangen, war das, bevor ihr Kinder bekommen habt?
Als unsere Tochter geboren wurde. Da hat sie im Kinderbett im Zelt geschlafen. 1961 waren wir das erste Mal mit ihr auf dem Priwall. Wir waren vorher schon mit dem Fahrrad und mit unseren Bekannten aus der Tischtennis-Abteilung nach Travemünde gefahren. Wir haben immer Camping-Urlaub gemacht.

Wo wart ihr im Urlaub und wie hat sich das über die Jahre verändert?
Im Harz, sonst konnten wir nicht viel machen, wir hatten kein Geld. Wir mussten für die Wohnung sparen, 1959 konnten wir unseren ersten Kühlschrank kaufen. Vom Zoll aus haben wir alle 2 bis 3 Jahre im Sozialwerk Urlaub gemacht, am Bodensee, am Rhein. Da waren wir überall, auch mit unseren Kindern.
Sohn: Deshalb kenne ich Deutschland so gut.
Hajo: Malente, Sylt, Berlin, wir hatten ja nur mein Gehalt.
Magda: Ja, ich konnte ja nicht arbeiten, wegen der Kinder.
Hajo: Ich habe immer gearbeitet, als Zöllner hier in Lübeck.
Magda: Du bekamst auch keinen Kindergartenplatz für die Kinder. Wenn du wusstest, du wirst schwanger, musstest du schon den Kindergartenplatz reservieren. Für Kai bekam ich keinen und für Kirstin bekam ich einen, bevor sie in die Schule kam. Kai war bei der Kinderstunde bei Tante Lotte, das war ein Spielplatz. Der Kindergarten war eine teure Angelegenheit, weil ich ja nur ein kleines Gehalt hatte.
Als wir nachher in Wentorf waren, war ich 10 Jahre bei der Kinderstunde der Bundeswehr beschäftigt. Das war mein Sprungbrett für den Kindergarten. Da habe ich Fortbildungen gemacht und einen Schein gemacht. Auf einer Fortbildung lernte ich die Leiterin eines Kindergartens kennen, die mir zu einer Stelle verholfen hat. Dort habe ich 10. Jahre lang gearbeitet. Dann habe ich aufgehört. Es war früher nicht üblich, dass Frauen arbeiten gingen, weil es gar keine Kindergartenplätze gab. Es waren andere Zeiten damals, aber wir sind ja gut durchgekommen.
Magda: Seit 1980 hatten wir unseren Ehepaarreise-Club in Lübeck. Wir waren 6 Ehepaare und sind wir das erste Mal geflogen. Wir haben alle 2 – 3 Jahre eine große Reise gemacht. In Norwegen haben wir angefangen, sind dann drei Jahre später 1983 nach Sri Lanka geflogen, 1985 nach Marokko. 1987 waren wir in der Türkei, danach wollten wir nach Ägypten, aber es gab einen Aufruhr und wir sind deshalb nach Zypern gefahren. Dann sind Hajo und ich allein gefahren, Kai hat uns einen selbst geschriebenen Reiseführer geschenkt, für eine Tour nach Asien 1990. Danach waren wir in Kenia und haben sogar eine Safari gemacht. 1992 waren wir in Florida und später noch einmal in Amerika. Wir sind von New York aus die Ostküste entlang gereist, danach nach Kalifornien. Ein paar Jahre später haben wir noch einmal eine große Amerika Tour gemacht von: Los Angeles, Grand Canyon und das Gebiet um San Francisco. In Hawaii waren wir dann noch und in Singapur, das war sehr schön.