
Interviewte: Helga L. (geb. 1933) und Klaus L. (geb. 1933)
Interviewer: Lovis Wöhner (14), Alex Laurinat (16) und Leon Ganter (16)
Autorin: Anna-Luisa Maischberger (15)
Was haben Sie getan, als der Krieg angekündigt wurde?
Klaus L: Ich kann mich nicht so ganz daran erinnern, ich bin erst 1933 geboren und als der Krieg anfing, war ich erst sechs Jahre alt. Man muss auch bedenken, dass das alles aus Erzählungen der Eltern kommt. Was mir in Erinnerung blieb, ist, dass ich mit Freunden auf einem Gitter saß. Es war ein Tag wie jeder andere. Ich hörte nur einige Leute rufen „Den Krieg gewinnen wir!“. Er blieb mir also nicht besonders in Erinnerung. Ich kann mich auch noch erinnern, aber das war nicht am Anfang der Kriegszeit, dass an uns Militärfahrzeuge vorbei fuhren und ein Elefant auf einen der Wagen transportiert wurde. Da ich als Kind sehr neugierig war, habe ich meinen Vater dazu gebracht, hinterherzufahren. Dann haben die Leute an der Alster uns vorgeführt, wie die Panzer des Militärs durch das Wasser fahren können und mit Hilfe der Elefanten wieder rausgezogen werden. 1943, das weiß ich auch noch, wurden Elefanten dazu genutzt, die Stadt aufzuräumen. Sonst ist mir der Kriegsanfang nicht mehr so in Erinnerung geblieben.
Helga L: Ich erinnere den Tag noch genau, weil ich da meine ersten Schulferien hatte, ich war zu der Zeit mit meiner Mutter und meiner Schwester auf Sylt. Meine Mutter saß im Strandkorb, dann kam eine Frau zu uns und sagt „Sie haben Polen überfallen, wir haben Krieg!“, meine Mutter hat dann geweint wie ein Schlosshund. Ich habe nie zuvor gesehen, dass meine Mutter so weint. Meine Schwester und ich, das weiß ich noch, saßen neben dem Strandkorb und wir haben uns gefragt, was jetzt passieren würde. Wir wussten nicht, was Krieg bedeutet, aber meine Mutter hatte die Hungersjahre nach dem ersten Weltkrieg noch in Erinnerung. Deshalb ahnte sie schon, was auf uns zukommt. Das war der erste Kriegstag, dass hat mir keiner erzählt, so habe ich es noch in meinem Kopf.
In welchem Stadtteil haben sie gewohnt?
Ich (Klaus L) habe in Fuhlsbüttel gewohnt und ich (Helga L) habe in Eimsbüttel gewohnt.
Kannten sie jemanden der von der SS verfolgt wurde?
Klaus L.: Ich weiß aus späteren Erzählungen meines Vaters, dass einer aus unserem nah gelegenen Kohlladen Kommunist war. Genau weiß ich das nicht, so etwas kam erst zum Ende des Krieges zur Sprache.
Helga L: Als wir an der Ostsee waren, hat mein Vater Kugel-Stoßen gemacht, als er in den Sand reinrutschte riss er sich die Achillessehne. Dann sind wir mit der gerissenen Sehne nach Hamburg gefahren, mit dem Erfolg dass seine Sehne verkürzt war. Dann wurde er bis 1942 immer wieder von der deutschen Armee nach Hause geschickt, weil er mit Krücken gehen musste. Bis er im Dezember 1942 starb, aber an etwas anderem. Als er schon acht Tage tot war, kam wieder ein Stellungsbefehl und dann musste meine weinende Mutter den Offizieren sagen, dass ein Toter schlecht kämpfen kann. Das ist auch eine Sache, an die ich mich sehr genau erinnere, sechs Wochen später starb meine kleine Schwester. Das war Anfang Februar 1943, im Juli brannte Hamburg ab. Ich weiß noch, dass meine Mutter vor dem brennenden Haus stand und gesagt hat „Ich bin so froh, dass alles weg ist!“, wegen den Erinnerungen. Das Einzige was mir überblieb, war eine Puppe, die ich an Weihnachten, kurz bevor mein Vater starb, geschenkt bekommen habe. Die habe ich auf dem Arm gehabt und mit der bin ich durch das brennende Hamburg gegangen. Diese Puppe sitzt heute noch auf meinen Nachtschrank.
Klaus L.: Man muss dazu sagen, dass das Etagenhaus der Familie gehörte und dann die ganze Situation, Kriegsanfang, Mann verloren, die Tochter verloren und dann der Besitz der weg gebrannt wird. Alles war damals aus Holz, Möbel, Fußböden, Decken einfach alles. Bis auf ein Haufen Asche blieb nichts mehr über. Dass jemand dann aus Verzweiflung sagt er sei froh, dass alles weg ist, ist völlig verständlich.
Haben sie etwas von der Judenverfolgung mitbekommen?
Klaus L.: Ich habe diese nicht wirklich mitbekommen. Das Einzige, woran ich mich erinnere ist, dass bei uns in Fuhlsbüttel ein Lebensmittelgeschäft war. Das Geschäft wurde von einem sehr netten Ehepaar geführt. Später bekamen wir von dem Geschäftsinhaber mit, dass seine Frau wegen ihrem jüdischen Glauben abgeholt wurde. Ein Jahr oder ein halbes Jahr vor Kriegsende erzählte er uns das und dass sie in einem Lager in Polen sei. Das war für mich erstmal sehr unverständlich. Ich war zu der Zeit auch erst zehn oder elf Jahre alt und mit dem Begriff „abgeholt“ und „Lager“ verstand ich, dass die Frau abgeholt und zu einem Zeltlager gebracht wurde, weil man mir damals nicht erklärte, was wirklich mit ihr geschah. In der Öffentlichkeit sah es so aus, als wären die Menschen dort zur Erholung. Sie sind uns nicht ganz genehm als Bürger, aber sie sind dort gut aufgehoben. Das ist das, was man Kindern erklärte. Die Frau ist nach dem Krieg auch nicht mehr wieder gekommen. Dann hat ihr Mann das Geschäft für kurze Zeit alleine weitergeführt und dann geschlossen.
Wie haben Sie die Bombenangriffe auf Hamburg erlebt?
Helga L: Angriffe gab es etwa 1941 die ersten. Das fanden wir als Kinder erstmal interessant. Da wurde dann hingerannt und in den Löchern gegraben.
Klaus L.: Ich erinnere mich noch, wie die erste Bombe 1941 am Barmbeker Bahnhof in eine Schule einschlug. Wenn ich dann als Kind mit meinen Eltern mit der S-Bahn in Barmbek und Friedrichsberg vorbei fuhr, hatte ich immer furchtbares Muffensausen. „Nur schnell vorbei“ dachte ich immer. Dann gab es natürlich häufiger nachts Bombenangriffe. Wir wurden dann erstmal, sogar schon vor Kriegsbeginn, aufgerufen, Luftschutzräume zu gestalten und zu sichern. Das heißt: im Keller die Balken stützen damit einem die Decke nicht auf den Kopf fällt. Vor die Kasematten (Gitter vor den Fenstern) wurden große Betonblöcke gelegt, sodass man dann den Schutt wegnehmen und die Betonblöcke beseitigen kann, um einen Notausstieg zu haben. Dann hat man unseren Eltern und uns klar gemacht, was bei Bombeneinschlägen passiert. Es gab einmal die Sprengbomben, bei denen alles auseinander flog und es gab diese Stabbrandbomben. Das waren sechseckige Bombenstäbe. Wenn die aufschlugen, machte das so eine Art Feuerchen und mit einem nassen Lappen und einem Besenstiel dran, wurde uns gesagt, konnte man die löschen. Vor jeder Wohnung musste in jeder Etage ein Eimer mit Wasser, ein Eimer mit Sand und diese Feuerklatsche stehen. Dann stand noch eine Spritze da, die ähnlich wie eine Fußluftpumpe für Fahrräder funktioniert. Bei der kam dann aber Wasser raus, wenn man das andere Schlauchende ins Wasser gelegt hatte. Damit hat man der Bevölkerung suggeriert, dass gar nichts passiert, wenn eine Bombe im Treppenhaus explodiert.
Dann musste noch eine Verdunklung in den Wohnungen installiert werden. Kein Lichtschein durfte nach draußen leuchten. Wenn ein Lichtschein zu sehen war, riefen die sogenannten Lichtschutzwarte auf der Straße „Verdunkeln“. Die Autos hatten auch keinen richtigen Scheinwerfer mehr, sondern Notscheinwerfer, die nur noch so einen ganz kleinen Micky-Maus-Strahl machten. Weil alles so dunkel war und man wirklich gar nichts mehr sehen konnte, steckte man sich phosphorisierende Plaketten an.
Damit begannen wie gesagt die Angriffe über Nacht. Oft hörte man erst nur so ein Summen der ganz hoch fliegenden Flugzeuge. Das war ein sogenannter Aufklärer. Zunächst flogen die Engländer die Gebiete ab und fotografierten und sondierten. Dann kamen die Schwärme mit den Bombenflugzeugen.
Wie viele waren das ungefähr?
Klaus L.: Das war unterschiedlich. Zunächst waren das ein paar Flugzeuge und nachher zum Kriegsende große Geschwader. Nachts sieht man ja nicht viel. Aber dann haben die Amerikaner, und auch die Engländer nachher, sogenannte Tagesangriffe über Hamburg und ganz Deutschland geflogen. Die Maschinen hatten mittlerweile so eine Leistungsfähigkeit, dass sie im weiten Bogen über die Nordsee die Städte Hamburg, Braunschweig, Köln oder Lübeck anfliegen konnten. Und wenn sie irgendwo anders hin flogen, waren sie entsprechend klein zu sehen. Die flogen dann in Geschwadern gestaffelt hintereinander. Das habe ich hier in Hamburg und meine Frau an der Ostsee erlebt. Über Stunden sahst du manchmal diese großen Geschwader fliegen. Immer dieses ganz tiefe Brummen. Man sah das und wusste genau, wohin sie fliegen. Wenn sie dann zurück flogen, war das ein ganz hohes Singen von den Motoren, weil die Maschinen kein Gewicht mehr trugen. „Doktor Baldrian“, so nannten wir den Sprecher, sprach immer beruhigend auf die Bevölkerung ein: „stärkere Flugzeugeinheiten über die Nordsee, Einflug über Langerogge … befinden sich auf dem Anflug auf Braunschweig“. Damit hat er uns schon ein bisschen getröstet, dass hier nichts passiert. Dann gab es unter Umständen hier in Hamburg nur Voralarm. Das war ein dreimaliges Hintereinanderheulen. Ein Hauptalarm heulte am Stück. Dann musste man von den Straßen runter in den Keller hinein. Die Straßenbahnen hielten am nächsten Bahnhof an. Das heißt, in dem Moment hatten die Menschen von den Straßen zu verschwinden. Dann fand unter Umständen am hellen Tag ein Angriff statt. Man konnte diese Phosphorkanister sehen, wenn sie herunter fielen. Unter Umständen konnte man auch diese explodierenden Bällchen sehen, wenn die Artillerie, die Flak, schoss. Ab und zu sah man auch, wenn ein Flugzeug abgeschossen wurde, wenn die Flugzeuge abstürzten oder sich die Piloten retten konnten und mit dem Fallschirm runter pendelten. Wenn das über uns war, war das gefährlich und man stellte sich am besten nicht unter Bäume. Die explodierenden Splitter aus schwerem Eisen klatschten dann durch die Bäume und auf die Dächer. Nachts war das eigentlich nicht zu sehen. Das brennende Feuer sah man natürlich.
Helga L: Das war ja auch unterschiedlich. Die ersten Angriffe auf Altona, St. Pauli etc. waren Nachtangriffe von den Engländern. Am Tag sind es Amerikaner gewesen.
Klaus L.: Bei den Nachtangriffen warfen die ersten Flugzeuge sogenannte Tannenbäume ab. Das waren Lichter, die sich ganz langsam senkten, Markierungspunkte, damit die Bomben gezielt abgeworfen werden konnten. Manchmal haben die ihre Ziele getroffen, manchmal auch nicht. In Fuhlsbüttel, da wo ich wohne, waren keine eigentlichen Ziele. Durch einen sogenannten Notabwurf ist unsere Jungenschule am Fuhlsbüttler Damm getroffen worden. Auch die umliegenden Häuser hatten keine Dächer, keine Fenster und keine Türen mehr. Alles weg. Das war `42! 1943, bei den großen Angriffen auf Hamburg, sind bei uns auf dem Grundstück vier von diesen Stabbrandbomben und eine Phosphorbombe runter gefeuert. Es ist nichts passiert und wir hatten das Gefühl, dass der liebe Gott seine Hand darauf gehalten hat. Die erste Stabbrandbombe ist durch ein Holzdach in eine Teertonne gesaust und es ist nichts passiert. Die zweite ist in unser gelagertes Brennholz gefallen und abgefackelt, doch es hat sich nichts entzündet. Die dritte ist durch ein Schuppendach in eine Regenrinne geschossen und ist vor dem Holzschuppen ohne Folgen abgebrannt und die vierte hat auch nichts bewirkt. Die Phosphorbombe ist schräg in ein Stachelbeerbeet gefallen und nicht explodiert. Insofern haben wir mit der Angst, im Keller sitzend, man hört die Bomben fliegen, die Artillerie hört man, Glück gehabt.
War das laut?
Klaus L.: Sehr laut. Am Lentersweg beim Bahnhof Fuhlsbüttel war eine große Artilleriestellung. Wenn die mit ihren Geschützen geschossen haben, dröhnten bei uns die Wände! Aber dann ist da eben diese Gefühl, im Keller sitzend, es knallt draußen, „wumm hört man, das Licht flackert, der Fußboden wackelt. Es ist ein ganz blödes Gefühl! (Wiederholt) Ein ganz blödes Gefühl! Ganz in der Nähe ist das Gasometer und man hatte natürlich Angst, das Ding fliegt auseinander. Es ist schon ein schlimmes Gefühl, wenn man nicht sieht, was da obern passiert und unten auch nicht. Da saß man nicht alleine, sondern 7, 8, 9, 10 Leute mit `ner Decke überm Kopf im Luftschutzkeller. Der Adrenalinspiegel ist hoch und man hört Schreie.
Wie oft ist so etwas passiert?
Klaus L.: Dieses sind 5 Angriffe in einem durch gewesen und dann war Hamburg ja bis auf das Bisschen um die Alster rum, platt. Die Binnenalster hatte man komplett mit einer Plane abgedeckt und auf diese Plane hat man Straßenzüge gepinselt, um die Engländer zu irritieren. Sie sollten denken, dass die Lombardsbrücke eigentlich ganz woanders ist. Ich glaube, man hat das Lachen der Piloten unten gehört, denn die wussten ganz genau, wo was lag. Sie hatten als Orientierungspunkt auch die Nikolaikirche. Das hat man aber erst nach dem Krieg aus den englischen Unterlagen erfahren.
Wie die Hitlerjugend erlebt?
Klaus L.: Wenn man am 20. April, Hitlers Geburtstag, 10 Jahre alt war, bekamen die Eltern einen Schein. Man musste dann eine Kordhose als Sommeruniform, ein braunes Hemd, eine dunkelblaue Jacke und eine dunkelblaue lange Hose, die unten abgebunden wurde, anziehen.
Helga L: Wir haben weiße Blusen und blaue Röcke gehabt.
Klaus L.: Dafür gab es einen Gutschein und man musste in einem Schulgebäude am Hauptbahnhof antraben. Dann mussten wir zum Dienst. Mit 10 Jahren wohl bemerkt. Ich musste einmal in der Woche im Schlageter-Heim, benannt nach einem Nazi, zum Dienst antreten und einmal in der Woche zum Sport. Dann mussten wir mit einem Luftgewehr schießen üben und marschieren lernen. Das war ja das A und O (Helga L: das mussten wir schon im Turnverein als Kleine). Dann kam hin und wieder ein Soldat mit einem amputierten Arm oder Bein oder entstellt und musste seine heroischen Kriegserlebnisse erzählen. „Die Panzer lagen links und dann wurden wir von rechts angegriffen und dann kamen unsere Stukas …“. „Und dann haben wir die Russen in die Flucht geschlagen“. So einen Sch … haben die uns dann erzählen müssen um uns zu begeistern. Oder wir fuhren Sportrad und machten Geländespiele. Zum Beispiel „Räuber und Prinzessinnen“ mit farbigen Wollfäden um den Arm. Dann gab es noch das Apelfest, zu dem Hunderte oder Tausende marschierend und mit Fahne kamen. Dann hatten die aus zwei Fahrrädern nebeneinander und Latten und Pappe eine Art Panzer gebaut. Man versuchte so, den Jugendlichen zu vermitteln, dass das Militär eine tolle Sache war. Einmal musste ich zu so einem Führer hin, einer Art Vorturner in Uniform. Die Reichskriegsflagge und die Hakenkreuzflagge hingen da. Mein Vater hatte immer etwas gegen diesen Kram und sagte „bleib doch hier, was willst du da?“. Das habe ich dann natürlich gemacht und bekam eine Vorladung, weil ich so und so oft den Dienst geschwänzt hätte. Da wurden wir dann vergattert.
Helga L: Und ich habe durch das Abhauen an die Ostsee Glück gehabt. Die wussten dann nachher gar nicht mehr, wer wir waren und mein Fehlen ist nachher gar nicht mehr aufgefallen.
Klaus L.: Ich muss sagen, diese Hitlerjugendzeit war im Grunde ganz putzig. Man hat mich nicht gehauen, man hat mich nicht hungern lassen.
Klingt wie Pfadfinder?
Helga L: Ja!
Man hat ja auch gar nicht richtig bemerkt, was da eigentlich abging, oder?
Helga L: Ja, dafür waren wir ja zu klein.
Klaus L.: Ihr müsst immer davon ausgehen, dass die Informationen für die Bevölkerung gleich Null waren. Es gab kein Fernsehen, nur einen Radiosender und im Kino wurden die tollen Helden in der Wochenschau gefeiert und Siegesmeldungen aus Afrika und Frankreich vermeldet.
Helga L: „Sterben als ein tapferer Held“.
Klaus L.: Dann wurden die Engländer als Mörder und Untermenschen angesehen, weil sie unsere Häuser bombardiert haben.
Helga L: Aber das unsere bereits vorher englische Städte bombardiert haben, davon war nicht die Rede.
Klaus L.: Diese Informationen der Grausamkeiten, die der Mensch der Bevölkerung antat, sah man nicht. Es wurde alles schön geredet und alles für die Wochenschau so präpariert, dass man gut wegkam. Dieses Elend, was der Krieg hervorgerufen hat, wurde zumindest in der Nazizeit klein gehalten.
Wie wurden die Kinder in Hamburg bzw. bei Ihnen unterrichtet, wenn die Schulen zerbombt waren?
Helga L: Ich war Wüstenfeldschülerin. Meine Klasse wurde nach Passau verlegt und dort weiter unterrichtet. Wegen der Todesfälle vorher sagte meine Mutter „kommt nicht infrage“ und ich kam in ein privates Heim in Niendorf an der Ostsee. Von dort aus ging ich in eine Schule in Bad Schwartau, eine Jungs-Schule. Die mussten dort alle Ausgebombten aufnehmen und wir waren 5 Mädchen und 45 Jungen. Als die Russen dann schon in Mecklenburg waren, durften wir nicht mehr zur Schule fahren, weil die Züge immer von Tieffliegern angegriffen wurden.
Klaus L.: Das Schulgebäude meiner Schule war ja nun total flach und es wurde improvisiert. Die sogenannten Ausgebombten kamen noch mal zu unserer Klasse hinzu. Die Schulen in der Innenstadt waren alle geschlossen. Die Kinder, die dort überlebt haben, wurden zum Teil landverschickt, die anderen kamen rüber zu uns. Es war dadurch zum Bersten voll in den Klassen. Auch bei uns waren einige Räume zerstört. Es gab dann ganz bestimmte Stundenpläne, die sich auch danach richteten, wann die nächtlichen Bombenangriffe zu Ende waren. Da gab es ganz bestimmte Richtlinien. Wenn der Bombenangriff vor 24 Uhr beendet war, mussten wir am nächsten Tag um 9 Uhr in die Schule. Wenn er um zwei Uhr zu Ende war, mussten wir um 11 Uhr zur Schule kommen und wenn er um drei Uhr zu Ende war, fiel am nächsten Tag die Schule aus. Lehrer fielen ebenfalls immer öfter aus. Es wurden immer mehr Lehrer als Soldaten eingezogen. In der Schule wurden dann immer mehr jüngere Leute oder Verwundete eingestellt – Einarmige, Einbeinige, die ihre Gliedmaßen im Krieg verloren hatten. Wenn sie im Lazarett gelegen haben und der Kopf war noch in Ordnung, hat man sie wieder als Lehrer eingesetzt. Ebenfalls weibliche Hilfskräfte. Es gab natürlich sehr viele Fehlstunden. Das war ein ziemliches Chaos.
Helga L: Das war es im Prinzip ab 1945. Im Mai war der Krieg zu Ende und im Juli sind wir mit dem LKW wieder nach Hamburg gekommen. Dann ging die Volksschule hier wieder los. Ich glaube im Oktober. Wir Oberschüler konnten erst im nächsten Jahr wieder in die Schule gehen und dann wieder in die Klasse, aus der wir vorher gekommen waren. Schulbücher waren verboten. Alles was gedruckt war, war verboten.
Warum?
Helga L: Weil die Engländer nicht wollten, dass hier aus Büchern gelernt wurde, in denen der Nazi-Kram stand. Ich musste dann in die Helene-Lange Schule, weil in der Wüstenfeldschule das Ortsamt war. Etwa alle 6 Wochen kam die Engländerin, die für die hier in Hamburg für die Schulen zuständig war. Der Hausmeister gab dann ein Zeichen und alle wussten, Miss Alice ist da. Bei uns saßen Lehrer damals noch auf so einem Podest, „Katheder“ hieß das. Wenn Miss Alice da war, wurde alles, was sie nicht sehen sollte, unter das Podest geschoben. Bis Frau Alice oben war, waren alle Bücher verschwunden und wir mussten die Taschen aufmachen. Ich nutzte zeitweise eine freie Seite des Heftes, auf dem die Lebensmittelmarken aufgeklebt wurden zum Schreiben. Ich habe es rausgeholt und Miss Alice guckte sich das an und dann wurde es wieder eingepackt. Aber dass der Lehrer auf den Büchern saß, hat sie nie heraus bekommen. Erdkunde war ja schon mal so eine Sache. Die deutschen Grenzen stimmten vorne und hinten nicht mehr, sodass die ganzen Karten nicht mehr zu gebrauchen waren. Geschichte ging ebenso nicht. Latein ging auch nicht.