
Bomben, Angst und der Kampf ums Überleben
Interviewte: Rosemarie Binder (geb. 1935 in Breslau, † am 14.05.2015)
Interviewer- und Autorin: Miriam Binder (17)
Ich war vier Jahre alt, als mein Vater 1939 eingezogen wurde. Er kam zuerst nach Görlitz in die Grundausbildung. Von dort direkt nach Russland, in den Russlandfeldzug. Da war es ziemlich kalt. Und die Soldaten froren und mussten sehr viele warme Kleidung haben. Von der „Winterhilfe“ wurde dann Kleidung gesammelt, z.B. warme Pullover und dicke Socken. Zum Teil trugen die Soldaten nicht mal Strümpfe, sodass sie Fußlappen in ihren Schuhen hatten. Wenn mein Vater nach Hause durfte, brachte er uns Fliegerschokolade mit. Die enthielt Kaffeepulver – davon bekamen die Soldaten Extraportionen, damit sie besser durchhielten.
Ich habe zwei Geschwister. Einen Bruder, der drei Jahre jünger ist als ich und eine Schwester, die 1943 geboren wurde. Wir lebten in Breslau (Polen). Wir haben nicht in unserer Wohnung in der zweiten Etage gelebt, sondern im Keller in der Waschküche, da hatten wir Wasser und einen kleinen Kocher. Aus der Luft wurden wir bombardiert. Am Ende stand von den sieben Häusern nur noch unseres. Meine Mutter hat versucht dafür zu sorgen, dass wir wenig über den Krieg sprechen – es gab ein kleines Radio, den Volksempfänger, zu dem wir „Goebbelsschnautze“ (nach Goebbels, dem Reichspropagandaleiter) gesagt haben, das durfte man natürlich nicht. Wenn Fliegeralarm angesagt wurde, haben wir Witze darüber gemacht. Wenn Alarm war, mussten wir in den Bunker oder in unseren Keller, wo unsere Vorräte waren. Einmal wurden wir beschossen. Meinem Bruder hat ein Granatsplitter den Oberarm zerschlagen. Zum Glück wurde nichts Lebenswichtiges verletzt. Eine Fleischwunde, die von Sanitätern versorgt wurde.
Meine Schwester ist nach dem Krieg sehr krank geworden, weil es nichts zu essen gab, keine Lebensmittelkarten mehr und wir davon gelebt haben, was wir so gefunden haben. Ich bin zum Beispiel in ein Kleingartengelände gegangen, wo niemand zum Ernten kam, und habe aus den Gärten geholt, was ausgewachsen war: Blumenkohl, Pfefferminze und im Sommer Erdbeeren. Oder wir sind über die vielen Trümmer gestiegen und haben manchmal Einmachgläser im Schutt gefunden. Gänseschmalz oder auch mal Pflaumenmus, das haben wir alles nach Hause geschleppt und davon gegessen. Solange wir noch Lebensmittelkarten hatten, bekamen wir als Sonderzuteilung Milch. Aber als es die nicht mehr gab, war alles schwierig. In der Nähe unserer Wohnung in Breslau haben wir unter dem Schutt einer Sauerkraut-Fabrik ein großes Fass Sauerkraut gefunden – darin war eingesalzenes Sauerkraut, das wir dann gegessen haben. In einer anderen Fabrik lagerten Schafsdärme in Salzfässern. Die haben wir gewässert und durch den Fleischwolf gedreht. Das war unser Fleisch, denn es gab sonst überhaupt nichts. Manchmal hatten wir Lebertran, den haben wir uns ein bisschen angewärmt und mit Kartoffeln gegessen, wenn wir welche hatten. Mitten in Breslau waren Häuser gesprengt worden, um dort mit kleinen Flugzeugen starten und landen zu können, dort gab es später einen Schwarzmarkt. Da brachten die Menschen ihre Bett- und Tischwäsche, Gardinen, Decken oder Kissen hin, und tauschten dies bei Bauern gegen Kartoffeln, ein Stück Speck oder Eier. Eier waren für meine Schwester wichtig. Sie hatte Ruhr, das ist eine Darmkrankheit, und weil es keine Medikamente gab, haben wir für sie Eier mit Muskatnuss aufgeschlagen. Wir haben eben alles verbraucht, was man finden konnte und als Kind fragt man nicht nach. Mein Bruder hatte Diphtherie bekommen und meine Mutter angesteckt. Dann musste ich mit meinen damals neun Jahren praktisch für die Familie sorgen. Lange haben wir aber in Breslau ausgehalten. Wir waren froh dass wir überlebt haben.
Wir sind dann aus nach Kriegsende aus Breslau ausgewiesen worden und im Oktober `45 in Ostfriesland gelandet.
Mein Vater wurde 1946 sehr krank, er wurde von der Armee nach Elmshorn entlassen, denn dort wohnte sein Chef, Peter Kölln, mit dem er während des Krieges Briefkontakt gehalten hatte. Für uns war in Ostfriesland alles fremd: die Sprache Plattdeutsch, die Menschen und die Orte. Wir bekamen bei einem Bauern ein Backhaus, da waren zwei Betten drin, und durften bei dem Bauern mit in der Küche essen. Dort kam eine große Pfanne Bratkartoffel auf den Tisch und jeder pickte mit seiner Gabel daraus. Uns schmeckte alles wunderbar, weil wir vorher alles so spärlich hatten! Von Ostfriesland aus sind wir dann zu meinem Vater nach Elmshorn gezogen. 1949 sind wir nach Essen umgesiedelt, weil mein Vater dort eine Ausbildung zum Sanitäter gemacht und dann bei den Hüttenwerken-Oberhausen die Krankenversorgung übernommen hat. Wir hatten dort eine Werkswohnung und ich habe mit 17 Jahren beim Deutschen Roten Kreuz eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.