Die Namensänderung

Interviewte: Rainer K. (geb. 1944 in Danzig) und Frau K. (geb. 1950)
Interviewer und Autor: Ben Bergleiter (14)

Habt ihr eine „nie erzählte Geschichte“ zu erzählen“?
R.K: Eine „nie erzählte Geschichte“ ist mein Name.

Ben: „Rainer Kuse“?
R.K: Das ist nicht mein Geburtsname. Ich wurde 1944 in Danzig geboren. Mein Vater war beim Deutschen Roten Kreuz, zweiter Chef. Der hatte einen Erzfaschisten als Chef.
E.K: Danzig war zu der Zeit ja deutsch.
R.K: Ja, Danzig war damals deutsch. Er lebte mit seiner Frau, also meiner Mutter und uns drei Kindern in Danzig und hieß Ernst Kuschinsky.

Ben: „Kuschinsky“? Also nicht „Kuse“?
R.K: Ja, so bin ich im Endeffekt geboren worden. Ich bin aber nicht direkt so geboren worden, weil der Chef meines Vaters verlangte, dass er diesen polnischen Namen ablegt. Da ist er zum Amt hingegangen und hat den Namen auf Kuse geändert, die ersten drei Buchstaben mussten beibehalten werden. Dann hieße ich Kuse. Dann haben sie die Geburtsurkunde aus meinem Stammbuch, jeder hat halt so ein Stammbuch, rausgerissen und ich hieß automatisch wieder Kuschinsky.

Ben: Kuse meinst du, oder? Kuschinsky oder Kuse?
R.K: Ich wurde als Kuse geboren, dann haben sie das rausgerissen. Dann sind sie aus Danzig nach Deutschland geflohen und ich hieß automatisch wieder Kuschinsky. Meine Eltern mussten eidesstattlich erklären, dass ich ihr Kind bin. Dann bekam ich auch einen Ausweis auf Kuschinsky. Ich bin komplett hier aufgewachsen.

Ben: In Polen?
R.K: Nein, in Deutschland. Ich bin schon als Baby hierher gekommen.
E.K: Rainer ist 1944 geboren. Danach wurde Ost-Europa ja geräumt und da ist
seine Mutter mit den drei Kindern in Richtung Berlin.
R.K: In Ost-Berlin haben wir uns getrennt.
E.K: Und sein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien.
Das war dann ja so eine wirre Zeit, da sind dann auch Unterlagen verloren gegangen und wie gesagt die Geburtsurkunde, war rausgerissen wo Kuse draufstand, dann ist er letztendlich als Kuschinsky aufgewachsen, die anderen hießen dann ja auch alle Kuschinsky.
R.K: Ich heiße, oder ich hieß damals, „Rainer Hans-Peter Kuschinsky“.

Ben: Hans-Peter heißt du?
R.K: Ja, mein zweiter Name. Und dann habe ich die Schule besucht, das Abi gemacht, alles mit Kuschinsky. Dann habe ich studiert mit Kuschinsky. Dann wollte ich heiraten und musste meine Geburtsurkunde vorlegen. Die hatte ich ja nicht, weil sie rausgerissen war. In Berlin gibt es ein Großstandesamt und dort wurde offiziell angefragt ob meine Geburtsurkunde vorliegt. In der Geburtsurkunde hieß ich Rainer Hans-Peter Kuse. Dann haben sie mich gefragt ob ich Kuschinsky heißen wollte, das wäre eine Namensänderung und ich hätte Geld bezahlen müssen. Das wollte ich nicht und habe ich automatisch Rainer Hans- Peter Kuse angenommen.

Ben: Weil du kein Geld bezahlen wolltest?
R.K: Ja, aber vor allem weil ich nicht Kuschinsky heißen wollte.

Ben: Dann wolltest du auch freiwillig Kuse heißen?
R.K: Ja, wollte ich. Meine Schwester hat sich hier in Hamburg ebenfalls auf Kuse umbenennen lassen. Die hieß auch Kuschinsky. Hat sie sich hier in Hamburg festgesetzt und sich dann umtaufen lassen. Die hat dafür einen Haufen Geld bezahlt. Die hieß dann Hannelore Kuse.

Ben: Was kann man unter einem Haufen Geld verstehen?
R.K: Ich denke mal ein Paar Hundert D-Mark
E.K: Geld hat man ja in der Zeit nicht gehabt.
R.K: Solche Geschichten hat auch noch keiner gehört.
E.K: Ja in Zusammenhang mit diesen Kriegswirren. Auf der einen Seite, in Ost Europa, in Danzig, ging das so einfach mit der Namensänderung. In Deutschland dann diese Formalitäten. Es war kompliziert und kaum zu vermitteln.