Bombenangriffe auf Hamburg

Interviewte: Helga S. (geb.1933 in Hamburg)
Interviewer und Autorinnen: Julia Cordes (16) und Sophia Ehrlich (14)

Damals hieß ich Helga Wölb. Ich bin am 5. März 1933 in Hamburg Eimsbüttel geboren und war 6 Jahre alt, als der Krieg 1939 ausbrach. Als ich zehn Jahre alt war, gab es die Bombenangriffe auf Hamburg. Immer wurden in der Nacht Bomben abgeworfen, zuerst waren es wenige Bomben, doch 1943 wurde Hamburg nachts immer total zerbombt. Damals hatte ich zwei Schwestern und einen Bruder. Wenn eine Bombe abgeworfen wurde, gingen als erstes die Sirenen los, wenn die Flugzeuge gesehen wurden. Auf den Schulen und den Hausdächern standen immer riesige Alarmanlagen. Das war ein fürchterliches Geräusch, das ich heute immer noch höre. Als der Alarm losging, sind wir alle so schnell es ging in den Schutzbunker gerannt. Wir haben es ja gar nicht gesehen, wie die Bomben abgeworfen wurden. Wir haben nur gehört, wie die Leute, die von draußen noch hinein kamen, gerufen haben ,,es brennt alles, es brennt!“ Als dann immer mehr Leute hinein gelaufen kamen, wurde die Luft ganz stickig im Bunker, weil Rauch von draußen herein kam. Wenn die Flieger wieder zurückgeflogen waren, gab es immer eine Entwarnung. Dann wusste man, man konnte die Bunker wieder verlassen. Rundherum hat alles gebrannt, als wir aus dem Bunker herauskamen. Das war ganz furchtbar. Sogar ein älterer Herr in unseren Haus, der im zweiten Stock gewohnt hat, ist nie mitgegangen. Er meinte immer: ,,och, da kann doch nichts passieren.“ Er ist dann irgendwann tatsächlich verbrannt. Ich hatte blinde Eltern, beide waren blind. Ich hatte mich immer dafür verantwortlich gefühlt, für sie zu sorgen. Ich musste sie ja führen und begleiten, denn sie konnten nicht alleine gehen. Es war eine ganz schlimme Zeit, wir hatten fast nichts zu essen. Meine kleine Schwester hatte keine Wegwerfwindeln, das gab es früher noch nicht. Sie hatte immer nur ein Stück Stoff, was ausgewaschen wurde. Dann sind noch die Wasserwerke und Elektrizitätswerke ausgefallen. Wir konnten also kein warmes Essen mehr kochen. Wir haben Butterbrote vom Roten Kreuz bekommen. Dann, als alles zerbombt war, wurden wir in einen Omnibus verlagert und sind aus Hamburg herausgebracht worden. Wir haben zwei bis drei Nächte in einem Lokal auf Stroh schlafen müssen. Nachts, wenn der Alarm losging, sind wir schnell in den Wald hinaus gelaufen. Wir konnten ja nirgendwo anders hin, dort gab es ja keine Bunker. Später sind wir am Timmendorfer Strand in einem Blindenheim untergekommen. Wir hatten fürchterlichen Hunger. Man kann sich das gar nicht vorstellen, damals hatte ich nur eine alte Puppe aus Strümpfen zum Spielen. Zu Weinachten, bevor wir ausgebombt waren, bekamen wir immer ein altes Puppenhaus aus alten Pappkartons. Dann kam das nach ein paar Wochen weg und wir haben es im nächsten Jahr wieder zu Weinachten bekommen. Wenn unsere Schuhe zu klein gewesen sind, haben wir unsere Kappen von den Schuhen abgeschnitten und unsere Zehen guckten vorne heraus. Wir hatten sehr gehungert. Damals gab es Gutschein-Karten. Dann gab es zum Beispiel für einen Monat ein Ei pro Tag. Jeder aus meiner Familie hat damals nur zwei Scheiben Brot bekommen. Wir konnten damals nicht heizen, und was meint ihr, was wir da dann gemacht haben? Wir sind Kohlen klauen gegangen! Immer wenn die Züge mit der Kohle obendrauf kamen und die an einer Haltestelle anhielten, sind wir mit Säcken raufgegangen und haben die Säcke bis oben hin voll gemacht. Wir mussten immer aufpassen, dass die Züge nicht los fuhren. Das war in Eidelstedt. Der Strom wurde abgestellt und wurde zugeteilt. Zum Beispiel hatten wir nur zwei Stunden Strom pro Tag. Wir hatten keinerlei Maschinen, kein Radio, kein Fernsehen usw. Wir hatten aus Wolldecken Jacken gestrickt und durften nur einmal in der Woche die Wäsche wechseln. Später, als wir von den Engländern besetzt wurden, gab es immer Schulessen. Wir mussten immer Näpfe von zu Hause mitbringen, weil es kein Geschirr gab. Dann wurde das Essen eingeteilt. Die etwas dünneren Kinder bekamen mehr als die, die etwas dicker waren. Dann sind wir immer bei klirrenden Frost zur Schule gegangen, nur um Essen zu bekommen.