Interviewter: Hans-Heinz P. (geb. 1928)
Interviewer und Autor: Finnegan Stoeppler (16)
Die HJ rief mich, nicht etwa freiwillig. Da wurde ich also zu so einem Bannführer bestellt, der für die Karl-Paul Lager der Hamburger Schulen Lagermannschaftsführer suchen musste. Ich war damals sechzehn Jahre alt und trat vor ihn in Luftwaffen-helferuniform. Er sagte: „Du machst jetzt `nen kurzen Lehrgang mit und dann übernimmst du ein Karl-Paul Lager“. Ich sag: „Nein, nein. ich bin im Lazarett gewesen, ich hab“… „mach du das doch, da hast du viel mehr Ruhe da unten in Bayern“. Aber man konnte sich nicht dagegen verwehren. Das waren Dinge, die man nicht abwenden konnte. Also bin ich runter gefahren und machte dann in Nordbayern einen ganz kurzen Lehrgang, der einfach lächerlich war. Wir hatten bei den Luftwaffenhelfern viel mehr gelernt als die Lehrer dort. Dann wurde ich einer Lagermannschaft zugeteilt und sagte mir: „Hans-Heinz, du bist ja ein ganz ruhiger Vertreter. In dieser Mannschaft hat sich einer das Leben genommen, einer ist ertrunken und die Lehrer sollen auch recht schwierig seien. Es waren etwas über hundert Jungs, also werde damit fertig“. Noch mal von mir ein Protest, hatte ja gar keinen Zweck. Sie sagten: „Wir möchten dich dann demnächst in entsprechender Uniform sehen“ (ich war immer noch in Luftwaffenhelferuniform). “Und dann hab ich dieses Lager halt übernommen, und dann schreibt dieser Lümmel, der damals vierzehn Jahre alt war, Herr Michaelis, der jetzt über zehn Jahre tot ist, man gibt seine Memoiren jetzt erst raus: „… wir hatten so zackige Lagermannschaftsführer, so richtige und dann kam ein Weichei, der uns Gedichte vorlas von Rudolf Kinau. Dabei hat Kinau nie ein Gedicht geschrieben und ich habe sicher auch von Kinau nie etwas vorgelesen. Ich habe gelesen aus den Werken von Liliencron oder so. Also alle Freunde, die das gelesen haben und auch „Nichtfreunde“, sagen: „Weißt du, eigentlich stellt er dir ein sehr gutes Zeugnis aus in Dummheit.“ Denn als die Amerikaner immer näher rückten, kam einmal bei uns eine Wehrmachtseinheit durch mit einem alten Oberst, der schon den ersten Weltkrieg miterlebt hatte. Und mit dem saß ich abends in meinem Raum zusammen und er sagte: „Jetzt keine Heldentaten mehr.“ Er hat mich geduzt: „Bring die Jungs gesund nach Hause.“ Das war eben gar nicht so einfach. Ich war beauftragt, eine Brücke bei Nabburg zu verteidigen, als Waffen hatten wir nur Karabiner 98. Es war lächerlich.“
Also wäre eine Verteidigung gegen die Alliierten ein pures Himmelfahrtskommando gewesen?
Ja, so habe ich das immer gesehen, ich hatte das alles für Dummheiten gehalten und ich war mit dem örtlichen Kaplan befreundet und der hatte mir gesagt: „Also wenn ihr euch in Gruppen aufteilt, dann kannst du dort bei dem Wallfahrtsort mit so fünfzehn Jungs übernachten.“ Es war ja auch eine gewisse Ernährungsfrage. Und dann habe ich mit den Lehrern gesprochen und die waren natürlich heilfroh nun wieder selbst tätig zu sein und nicht einen Meckerer wie mich daneben zu haben. Und ich habe zu den Jungs gesagt: „Also wer kommt jetzt mit mir?“ und da meldeten sich in etwa zehn. Ich sag: „Und nun sucht euch aus: `nen Lehrer oder den Unterführer oder so.“ Das haben sie dann auch getan. So, … und dann sind wir losmarschiert, also zuerst zu diesem Wallfahrtsort. Da kamen dann die Amerikaner. Das war hoch, hoch am Berg und wir sahen sie unten kommen. Ab und zu habe ich ja solche Denkblitze und ich sagte: „Wisst ihr was, wir machen diese vier oder fünf Karabiner 98 unbrauchbar mit Sand und dann gehen wir runter, zu den Amerikanern, anstatt dass die hochkommen und denken, da wäre eine Widerstandsgruppe oder so.“ Dann habe ich mich da unten gemeldet, im Freien mit meinen zehn Jungs, die da bei mir geblieben waren. Zum Glück war der Captain (war er, glaube ich, oder First Leutnant, … ist aber auch egal) deutscher Herkunft, vermutlich ein deutscher Jude. Der sagte: „So ihr seid die Nazi-Boys.“ Das hat mich schon hart getroffen. Dann hat er sich ein bisschen von uns erzählen lassen und dann hat er uns gesagt: „Ich geb’ euch jetzt ein Schreiben mit: Kleine Jungs gehören in dieser Zeit nach Hause zur Mutter.“ Das war beleidigend. Meine Jungs fühlten sich als „kleine Jungs“ nicht angesprochen. Wenn ich das heute erzähle, sehe ich die Weisheit dieses Amerikaners in seinen Worten. Er wollte uns auf eine möglichste geringe Schmach bringen, anstatt uns als Kriegsgefangene mitzunehmen. Die Waffen haben wir abgegeben. Dann sind wir durch Deutschland marschiert, im Gegensatz zu einigen anderen Gruppen meiner Lagermannschaft, die nach Osten marschiert sind. Ich begann, Herz-Kreislauf-Probleme zu bekommen und wir mussten Rast machen. Fünf von meinen Jungs machten sich alleine auf den Weg nach Hamburg und bekamen alle möglichen Probleme, die man auf einem solchen Weg bekommen kann. Dann erfuhren wir von einem Güterzug mit Holz, der in Richtung Hamburg fährt und sie sagten, dass die uns mitnehmen würden. So stiegen wir in diesen Zug ein und fuhren Richtung Hamburg. Dann kamen wir schließlich bei den Süderelbbrücken an, wo ich früher mit einer Vierlings-Flak als Luftwaffenhelfer war. Nachher war ich in Finkenwerder. Wir mussten runter, denn wir konnten nicht nach Hamburg rein und wir mussten beweisen, dass, wir Wohnrecht hatten. Welche Ausweise hätten wir bei uns, fragten die Polizisten. Irgendwelche hatten wir ja, aber eben nicht das, was benötigt war. Die Polizei ließ sich nicht erbarmen. Als ich sagte: „Also hört mal, wir sind so lange gereist und …“ „Nein!“ kam die Antwort. Und dann bekam ich eine Möglichkeit, meine Mutter in Großborstel anzurufen. Sie sagte: „Hach, du bist ja da!“ Ich sag: „Ja, das bin ich, aber ich kann nicht rein, also ich bin bei den Süderelbbrücken.“ „Was? dort wieder,“ sagte sie und beschimpfte mich als Luftwaffenhelfer. Ich sag: „Nein, wir kommen nicht rein, weil wir die Papiere nicht haben.“ Dann kam meine Mutter mit fliegenden Fahnen und den Papieren, dass ich Wohnrecht habe. Tja und dann war der Krieg für mich in etwa am Ende. Einige meiner Jungs hielten die Aktion ein wenig für feige, da man ja „bis zum Ende hätte kämpfen sollen!“. Meine Reaktion war: „Ja und dann wärt ihr jetzt alle tot, wäre aber auch nicht schade bei so viel Dummheit.“ Aber sie sahen das nicht ein. Jetzt hat mich bei einem Vortrag über diese Dinge jemand gefragt: „Es haben sich doch wohl die Eltern bei Ihnen bedankt?“ Ich sag: „Kein einziger und kein einziger der Jungen, die nun älter geworden waren. Ganz im Gegenteil! Man hat ein gehässiges Buch, mit dem Vorwort von Loki Schmidt geschrieben.“ Später sagte man mir, dass Loki das Buch gar nicht mal gelesen hatte. Die Professorin der Geschichte – also mein Fachgebiet – die das rausgeben hat, kennt mich gar nicht. Mit zig Fehlern war das. Im Buch bin ich achtzehn gewesen, ich war aber sechzehn oder auch, dass ich ein Kirchenhasser gewesen sei und so weiter. Ich wollte klagen und man sagte mir: „In diesem Fall machst du das Buch erst berühmt. Lass das mal so laufen.“ Ich les euch nachher gerne eine Stelle vor. Ich bin als Luftwaffenhelfer von der Gestapo vernommen worden, höchstpersönlich vom Chef der Hamburger Gestapo. Ich hab ja auch tolle Tage und Nächte als Luftwaffenhelfer verbracht, einige Kreise in Hamburg behaupteten, dass man mich zur „Erholung“ nach Bayern schickte. Von Erholung war keine Spur.
Wie alt sind Sie jetzt?
Ich bin aktuell fünfzehn.
Gut, dann kriegen Sie jetzt den Posten als Lagerleiter und bekommen jetzt so `nen Haufen solcher Lümmel und dann mal los.
Tja dann mal los und so eine Brücke verteidigen.
Nebenbei eine lächerliche Brücke, durch das Wässerchen dort wäre auch ohne Brücke jeder alliierte Panzer durchgefahren. Es wäre Wahnsinn gewesen. Bevor es zu einem Schuss von uns auf die Amis gekommen wäre, wären wir tot gewesen. Aber das sahen die Jungs nicht so, die sahen eine gewisse Feigheit von mir darin, das Lager aufzulösen und den Amerikanern entgegen zu kommen. Zu kämpfen wäre einfach Wahnsinn gewesen.
Dem stimme ich zu, das wäre vollkommen sinnfrei gewesen mit den paar Karabiner 98 herumzuballern. Sie wären zur Hölle gesprengt gewesen, bevor etwas erreicht wurde.
Ich muss wohl einfach mit dem Makel leben, über hundert Jungs gerettet zu haben und gleichzeitig ein Feigling zu sein. Trotz dessen bekam ich das Bundesverdienstkreuz erster Klasse überreicht.