Die letzten Briefe aus Rumänien

Interviewte: Frau R. (geb.1940 in Dithmarschen)
Interviewer- und Autorinnen: Julia Cordes (15) und Sophia Ehrlich (14)

Ich wurde 1940 in Schleswig-Holstein geboren. Genauer gesagt auf einem Bauerndorf in Dithmarschen auf dem Lande. Ich habe mit meiner Mutter und 2 Geschwistern dort gelebt. An meinen Vater kann ich mich nicht erinnern. 1943 war er auf Heimat-Urlaub, da war ich 3 Jahre alt. Als Erinnerung an meinen Vater habe ich die Original-Briefe, die mein er an meine Mutter geschickt hat. 1940 ist mein Vater in dem Krieg gezogen, das weiß ich alles von meiner Mutter. Die Briefe von meinen Vater, die ich habe, sind erst (1943) aus Russland, später (1944) aus Rumänien. Da war der Krieg schon fast zu Ende.

Hier der Originalbrief aus Rumänien vom 5. August 1944:

Abgetippter Brief aus Rumänien vom 5. August 1944:

Liebe Annine und Kinder!
Deinen lieben Brief vom 20.7. habe ich mit bestem Dank erhalten. Wie ich sehe, soll Hans Hermann bald zur Schule. Ich kann es mir kaum vorstellen, dass er schon so weit ist. Man hat wirklich gar nichts von den Kindern. Mit dem nach Hause kommen wird es auch wohl nicht eher was werden, bis der Krieg aus ist, und das wird wohl nicht all zu lange mehr dauern. Hoffentlich wird es dann ein erträgliches Ende, wenn es auch kein gutes wird. Es geht mir hier ja noch immer gut, aber man sehnt sich doch nach Hause zu seinen Lieben. Jetzt ist man schon viereinhalb Jahre weg, da hat man doch bald keine Lust mehr.
Ich schicke mit gleicher Post drei Päckchen mit Zigaretten an Dich ab, 460 Stück und 25 Gramm Tabak. Den Tabak kannst du Vater ja geben oder Hans, falls er gerade mal kommt. Die Zigaretten kannst du ja mal versuchen gegen Eier einzutauschen. Mein Füllhalter ist alle Augenblicke leer, daher geht es in dieser Art weiter, ist ja auch egal. Ich werde dir auch noch einige Päckchen Feinschnitt schicken, die hebst du mir bitte auf, möglichst nicht so feucht lagern. Ich habe noch ungefähr 12 Päckchen hier, da kann ich nicht gegen Rauchen, das ist zu Hause doch wohl besser aufgehoben. Gegen Bargeld würde ich die Zigaretten nicht verkaufen, denn Geld hast du ja mehr als genug.
Gestern haben wir fast den ganzen Tag Schach gespielt, es regnete alle Augenblicke so dass man immer fort hinein laufen musste. Heute trocknet es schon wieder ganz schön ab. Nächstes mal mehr neues. Für heute ist es genug.

Mit den innigsten Grüßen
Euer Papa, Dein Ernst

Trotzdem ist mein Vater in Rumänien verschollen. Das Rote Kreuz hat viele Suchmeldungen durchgeführt, weil viele Soldaten vermisst wurden. So auch nach meinem Vater. Meine Familie hat nie wieder etwas von ihm gehört.
Die Kriegsjahre in meinem Heimat-Ort habe ich noch gut in Erinnerung. Da es ein Bauerndorf war und keine Industrie, hatten wir wenig Bomben-Alarm.
Wenn die Sirenen los gingen, sind wir beim Nachbarn in den Keller geflüchtet. Wir hatten einen Ofen, der mit Holz geheizt wurde. Zu Essen hatten wir auch ausreichend. Meine Mutter hat beim Bauern geholfen, zum Beispiel Kühe gemolken, dafür gab es dann Butter, Milch und Käse. Wir hatten auch Lebensmittelmarken, für Brot, Käse und Fleisch usw. Mit den Lebensmittelmarken mussten wir sparsam umgehen, weil die oft nicht für den Monat reichten.
Es gab auch Marken für Kleidung und Schuhe. Die aber reichten nie aus. Oft hatten wir Schuhe an, die schon sehr kaputt waren. Wir Kinder sind deshalb im Sommer immer ohne Schuhe rumgelaufen. Aber im Winter war es bitterkalt. Die Schule war nicht weit entfernt. Wenn unsere Stiefel kaputt waren, konnten wir oft nicht in die Schule gehen, weil wir nur 1 Paar Schuhe hatten.
Als der Krieg zu Ende war, kamen viele Flüchtlinge aus Ostpreußen zu uns ins Dorf. Alle Hausbesitzer wurden gezwungen, Flüchtlinge aufzunehmen. Ich kann mich noch erinnern, dass die Flüchtlinge bei uns auf dem Dachboden Platz gefunden hatten.
Es waren 3 Erwachsene und 2 Kinder. Es war auch ein Mann dabei, er hat meiner Mutter immer sehr geholfen. Es war gut, einen Mann im Haus zu haben. An unserem Haus war auch ein Stall. Wir hatten Hühner und ein Ferkel. Als das Ferkel groß genug war, wurde es geschlachtet. Der Mann und seine Familie haben uns sehr geholfen. Noch Jahre später, wie die Familie eine eigene Wohnung gefunden hatte, wurde der Kontakt nie abgebrochen. Sie wurden sehr gute Freunde von uns.

Auszug aus einem Brief, Silvester, 1944:

„Im nächsten Ort nahe bei uns läuteten sogar Neujahrsglocken von einer halb kaputten Kirche. Es ist ein komisches Gefühl, plötzlich feierliches Glockengeläut mitten zwischen Geschützdonnern zu hören. Wie dicht ist Tod und Verderben und fröhliches Feiern beieinander. Es ist eine komische Welt. Mann kann nur wünschen, dass bald Kriegsende ist.“